Prof. Dr. Juergen B. Donges

Euroland-Krise: Herausforderung Jugendarbeitslosigkeit

Juergen B. Donges

Kernaussage

Die Jugendarbeitslosigkeit der 15- bis 24-Jährigen beträgt laut Eurostat in Spanien 56 %. Es wäre allerdings falsch, daraus zu schließen, dass die Hälfte aller Jugendlichen arbeitslos ist.

Denn nach dieser Statistik werden nur Heranwachsende berücksichtigt, die entweder in Beschäftigung sind oder aber nach einer suchen. Schüler, Auszubildende und Studierende bleiben unberücksichtigt.

Setzt man die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen aber in Relation zur Gesamtzahl aller Jugendlichen, halbiert sich die Quote auf etwa 20 %. Dennoch ist die sehr hohe Arbeitslosigkeit in den südeuropäischen Euro-Sorgenländern insgesamt und insbesondere bei den Jugendlichen sehr bedenklich und legt einen nachhaltigen Handlungsbedarf offen.

Die südeuropäischen Euro-Sorgenländer haben ein doppeltes ökonomisches Problem zu bewältigen: Das eine liegt bekanntlich im finanziellen Bereich wegen der aus dem Ruder gelaufenen öffentlichen Finanzen und der zahlreichen wirtschaftlich angeschlagenen Banken. Das andere Problem liegt im realwirtschaftlichen Bereich und hier besonders bei der sehr hohen Arbeitslosigkeit insgesamt und vor allem bei den Jugendlichen. Dies lässt in Politik und Öffentlichkeit die Alarmglocken läuten – zu Recht.

Die Dimension des Problems auf dem europäischen Arbeitsmarkt der 15- bis 24-jährigen Jugendlichen ist bedrückend (Quelle: Eurostat):

  • Im Euroraum sind derzeit 3,7 Millionen junge Menschen ohne Arbeit. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 24,4 Prozent. Die Arbeitslosenquote insgesamt beträgt 11,8 Prozent (18,8 Millionen Menschen).
  • Die mit Abstand höchste Jugend-Arbeitslosenquote unter den Euroländern verzeichnen Spanien und Griechenland (über 50 Prozent). Die anderen Krisenstaaten (Portugal, Italien, Irland, Zypern) liegen in der Größenordnung von 30 bis 35 Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich ist gut ein Fünftel der Jugendlichen arbeitslos. Am niedrigsten ist diese Arbeitslosenquote in Deutschland, Österreich und den Niederlanden (knapp 9 Prozent).
  • In allen Euroländern gilt, dass die Jugendarbeitslosigkeit höher ist als die allgemeine Arbeitslosigkeit. Zum Beispiel in Spanien mit der höchsten Arbeitslosigkeit im Euroraum (25 Prozent) doppelt so hoch.

Kein Wunder, dass Spanien für dramatische Schlagzeilen sorgt. Gleichwohl ist es aber nicht so, dass jeder zweite Jugendliche dort auf der Straße steht. Die Quote ist überzeichnet. Man muss die in der amtlichen Statistik angewandte Berechnungsformel beachten: Es wird von der Gesamtzahl der 15- bis 24-jährigen Jugendlichen die Anzahl der Jugendlichen, die eine Beschäftigung haben, subtrahiert und die sich ergebende Differenz als arbeitslose Jugendliche ausgewiesen. Das gäbe ein zutreffendes Bild von der Lage, wenn diese so ermittelten Arbeitslosen tatsächlich aktiv auf Jobsuche wären (d.h. „dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen“, wie es amtlich heißt). Ein großer Teil ist es aber nicht. Viele der als arbeitslos ausgewiesenen Jugendlichen fragen gar keine Arbeit nach. Die einen gehen noch zur Schule, sind in einer beruflichen Ausbildung oder lassen sich im Studium Zeit, nehmen ein Zweitstudium auf oder absolvieren Masterprogramme im In- und Ausland. Andere Jugendliche wiederum wechseln häufiger als Ältere den Job bis sie den aus ihrer Sicht richtigen gefunden haben (Sucharbeitslosigkeit). Und nochmals andere ziehen es vor, sich bis auf Weiteres ganz aus dem Arbeitsmarkt auszuklinken, weil sie sich keine Chancen bei Stellenbewerbungen ausrechnen. Berücksichtigt man dies und bereinigt die Arbeitslosenquote entsprechend, so ergibt sich eine deutlich niedrigere Jugendarbeitslosigkeit als die amtlich gemessene. Zum Beispiel schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft die tatsächliche Jugendarbeitslosigkeit in Spanien in 2011 auf 19 Prozent (Quelle: iwd-dienst 9.8.12). In den anderen Krisenländern liegen die Dinge ähnlich. Das ist natürlich weniger medienwirksam als 50 Prozent! Aber auch damit liegen diese Länder alle über dem Euroland-Durchschnitt. Und es bleibt ein gravierendes Problem verdeckter Jugendarbeitslosigkeit bestehen, die dazu tendiert, sich im Zeitverlauf zu verfestigen und dann in eine Langzeitarbeitslosigkeit mündet.

Ursachen

Die Ursachen der hohen Jugendarbeitslosigkeit sind vielfältig und haben von Land zu Land ein unterschiedliches Gewicht. Aus der einschlägigen Literatur möchte ich vier besonders wichtige Ursachen herausstellen:

  • Erstens, die Rezession in den Krisenländern. Jugendliche sind in einem solchen Umfeld stärker von Entlassungen betroffen als ältere Arbeitnehmer, weil sie weniger qualifiziert (erfahren) sind, einen befristeten Arbeitsvertrag haben (z.B. Tourismus) oder Leiharbeitnehmer sind (z.B. im Baugewerbe und erst recht beim Platzen einer spekulativen Immobilienblase wie in Spanien).
  • Zweitens, der globalisierte Wettbewerb: Jugendliche ohne ausreichende und vor allem richtige Qualifikation sind direkt der Konkurrenz aus Niedriglohnländern (Schwellenländern à la China und Indien) ausgesetzt. Ihre Arbeitsplätze werden als erste wegrationalisiert oder im Zuge von Outsourcing ins kostengünstigere Ausland verlagert.
  • Drittens, die heimischen Unternehmen sind häufig nicht bereit, Jugendliche von einem befristeten Beschäftigungsverhältnis in ein unbefristetes zu übernehmen. Ein übermäßig rigider Kündigungsschutz ist der Hauptgrund.
  • Viertens, überhöhte gesetzliche Mindestlöhne erschweren es jungen Arbeitsuchenden, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Vor allem in Frankreich wirkt der Mindestlohn wie eine Markteintrittsbarriere für Jugendliche, die nicht qualifiziert sind (das sollten die Befürworter von gesetzlichen Mindestlöhnen in Deutschland zur Kenntnis nehmen!).

Wirkungen

Hier haben wir zwei gravierende Problemfelder:

  • Erstens, ein ökonomisches: (i) Die Leistungsbereitschaft der arbeitslosen Jugendlichen leidet; (ii) Wissen und Fertigkeiten verkümmern, weil nicht genutzt oder durch den technischen Fortschritt obsolet gemacht („brain waste“); (iii) das Land verliert Humankapital, wenn, wie es bereits geschieht, qualifizierte Jugendliche (darunter Techniker, Ingenieure, Computerspezialisten, Architekten) auswandern („brain drain“), wodurch das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotenzial verringert wird; (iv) arbeitslose Jugendliche wandern in die Schattenwirtschaft (Schwarzarbeit) ab und nehmen niedrigere Löhne hin als ihre Leistung wert wäre, während es beim Staat zu Steuerausfällen und bei der Sozialversicherung zu Beitragseinbußen kommt – zu Lasten der Steuerzahler und Versicherten.
  • Zweitens, ein gesellschaftspolitisches: (i) Der soziale Frieden wird gefährdet (angeheizt durch einen interessengeleiteten Aufschrei der „Wutbürger/Empörten“); (ii) individuelle Verhaltensweisen werden beschädigt (Drogen, Kriminalität); (iii) die Akzeptanz für die marktwirtschaftliche Ordnung schwindet (Forderungen nach „mehr Staat“, Verweigerung der Eigenverantwortung); (iv) die Hetze gegen andere Länder (Deutschland) wird zum innenpolitischen Blitzableiter stilisiert (für den Zusammenhalt in der EU kein gutes Omen).

Handlungsbedarf

Ein einfaches Patentrezept zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit gibt es nicht. Es müssen mehrere Stellschrauben gleichzeitig betätigt werden.

  • Einerseits in der allgemeinen Wirtschaftspolitik: (i) die Verbesserung der allgemeinen Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovationen; denn ein angemessener Wachstumspfad ist das A&O für erweiterte Beschäftigungschancen für alle Erwerbstätigen und damit auch für die Jugendlichen. (ii) Der Abbau überzogener Arbeitsmarktregulierungen, damit die Beschäftigung von Jugendlichen nicht unnötig verteuert wird. (iii) Die Einführung eines wirksamen Systems der Berufsausbildung; Stellensuche und Qualifikation sind hoch korreliert, wie alle Erfahrung lehrt. In den betroffenen Ländern interessieren sich die Regierungen inzwischen für das deutsche Duale Berufsausbildungsmodell. Entscheidend aber ist, dass die Unternehmen in den Krisenländern begreifen, dass es sich angesichts der späteren Verfügbarkeit von Facharbeitern auch für sie lohnt, ein solches System zum Laufen zu bringen, sprich Geld in die Hand zu nehmen und Ausbildungsplätze einzurichten; da ist noch ein Mentalitätswandel nötig.
  • Andererseits sind die Jugendlichen selbst gefordert: (i) durch entschlossenes Lernen in der Schule mit Schulabschluss und eine gute Ausbildung danach, (ii) durch regionale und sektorale Mobilität, (iii) durch Offenheit gegenüber dem wachstumsnotwendigen Strukturwandel und technischen Neuerungen, (iv) durch Bereitschaft zur Selbständigkeit.

Es werden im politischen Raum auch andere Ansätze diskutiert, von denen zwei mir ordnungspolitisch besonders problematisch erscheinen:

  • Zum einen Lohnsubventionen bei der Einstellung Jugendlicher (Präsident Hollande). Erfahrungsgemäß sind die Mitnahmeeffekte ernorm, und die Belastungen für den Staatshaushalt ebenfalls. Die Wirksamkeit hingegen ist sehr begrenzt.
  • Zum anderen eine Beschäftigungsgarantie, die Jugendliche auf einen regulären Arbeitsplatz oder eine Ausbildungs- bzw. Praktikantenstelle hievt (EU-Kommission). Das hört sich so an, als könne man Jugendarbeitslosigkeit per Verordnung beheben. Der Haken ist nur, dass in der Marktwirtschaft Arbeits- und Ausbildungsplätze in erster Linie von Unternehmen geschaffen werden, nicht vom Staat. Und die Unternehmen rechnen nun mal.

Viele Menschen sympathisieren mit den Vorschlägen des französischen Präsidenten und der EU-Kommission, weil sie meinen, dass so Gerechtigkeit gegenüber Jugendlichen geübt werde. Auf dem Arbeitsmarkt der Frage nach der Gerechtigkeit nachzugehen ist für einen Ökonomen nicht einfach. Denn trotz aller Besonderheiten, die den Arbeitsmarkt prägen, gilt in einem marktwirtschaftlichen System letztlich auch hier das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage: Für den Arbeitgeber (Unternehmen, Staat) muss sich die Beschäftigung von Jugendlichen rechnen; für die Jugendlichen kommt es darauf an, dass sie eine Arbeitsleistung anbieten, die nachgefragt wird und dabei nicht mehr als Lohn verlangen, als diese Arbeit den Nachfragern wert ist. Gerechtigkeit heißt nur, aber immerhin, dass unter den Jugendlichen (i) Gleichheit bei den Beschäftigungschancen besteht (freier Marktzutritt), (ii) niemand wegen Herkunft, Rasse, Religion, Geschlecht oder anderer Merkmale diskriminiert wird (analog zum Gleichheitsgebot Artikel 3 Grundgesetz) und (iii) keiner durch Arbeitgeber ausgebeutet wird (Lohn und sonstige Arbeitsbedingungen entsprechen dem Wert der Arbeitsleistung). Einen Anspruch auf einen Arbeitsplatz (wie dies in gewerkschaftlichen, kirchlichen, bestimmten intellektuellen Kreisen und innerhalb der Occupy-Bewegung unter dem Motto „Recht auf Arbeit“ propagiert wird) haben Jugendliche allerdings nicht; wie auch ältere Arbeitkräfte nicht. Das ließe sich politisch nur um den Preis der Aufhebung der Gewerbefreiheit und der Vertragsfreiheit durchsetzen, also durch den Marsch in eine andere Wirtschaftsordnung (sprich Planwirtschaft).

Fazit

Der Weg zu nachhaltig verbesserten Beschäftigungschancen für junge Leute führt über Bildung der Jugendlichen und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Das ist ein langer Weg. Ihn zu beschreiten ist allemal besser – für die Betroffenen und die Gesellschaft als Ganze – als die Jugendarbeitslosigkeit ständig nur zu beklagen und als Störung eines Gerechtigkeitsempfindens wahrzunehmen.

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